In Gedenken an Ralph Martini – (verstorben Pfingsten 2017) Ein Kommentar aus dem Dokumenten des ASK Stadtvertreter.

Ein Kommentar aus dem Nachlass unseres Stadtvertreters, Freund und Historikers.

Stalag Schwerin

 

Das Kriegsgefangenenlager Stalag II E bei Schwerin war das fünfte vom nationalsozialistischen Regime errichtete Lager in Mecklenburg. Es wurde am 7. November 1940 seiner Bestimmung übergeben. Sein Standort befand sich am ehemaligen Plater Weg, etwa gegenüber dem heutigen Zoo. Anfangs hatte das Lager eine Größe von 2500 Quadratmetern.

 

Zunächst wurden hier französische Kriegsgefangene untergebracht. Monate später kamen dann polnische, jugoslawische, belgische Soldaten, und mit dem Überfall auf die UdSSR vor allem sowjetische Armeeangehörige hinzu. Die durchschnittliche Belegungsstärke, wurde nach Berichten mit etwa fünfhundert Kriegsgefangenen angegeben. Da aber während des Krieges die Belegung der einzelnen Lager laufend wechselte und viele der Soldaten durch Misshandlungen oder Krankheiten den Tod fanden sind in diesem Lager Tausende Kriegsgefangene inhaftiert gewesen. In einigen Veröffentlichungen wird von bis zu 15000 Inhaftierten gesprochen.

 

In der Genfer Konvention von 1929 steht folgender Satz: „ ….Verboten sind körperliche Strafen jeder Art, jede Einsperrung in nicht von Tageslicht erhellte Räume und überhaupt jede Art von Grausamkeit.“ Die französischen, belgischen Staatsbürger wurden zumeist nach internationalem Kriegsrecht behandelt. Sie durften zeitweise unbewacht Schwerin betreten und befanden sich in einer verhältnismäßig guten körperlichen Verfassung.

 

Sie waren in Arbeitskommandos oder auch einzeln in Betrieben, bei privaten Händlern, in Privathaushalten der Stadt beschäftigt. Befanden sich die Arbeitsstellen zu weit vom Stammlager entfernt wurden kleinere Nebenlager errichtet. Dies war in den Schwerin nahen Dörfern der Fall. Aber auch in Schwerin selbst wurden Lager errichtet, so in der Klagenfurter Str. 28 (in der jetzigen Dr. Külz Str.), im Arsenal, am Püsserkrug, am Gosewinkler Weg  und am Lankower See in der ehemaligen Badeanstalt, um nur einige zu nennen.

 

Der Leiter des Lagers Stalag II Hauptmann Pessier, Hauptmann Seidel und Hauptmann Wisian die Kommandanten des Kriegsgefangenenteillagers Sternbuchholz setzten die vom Oberkommando der Wehrmacht herausgegebenen Hauptrichtlinien für die Behandlung der Gefangenen ohne Skrupel um. Einer der größten Schergen war ein gewisser Feldwebel Schossow. Über ihn sagte ein Zeuge aus:“ Grobe Misshandlungen erlitten die Gefangenen besonders durch den Feldwebel Schossow. Er war seit Aufbau des Lagers bis zum Kriegsende dort. Die Gefangenen wurden durch Schossow schon wegen geringster Anlässe so lange traktiert bis sie am Boden lagen. Hauptmann Pessier, der Lagerkommandant, hielt sich im Hintergrund und schickte immer den Feldwebel Schossow vor. Wenn irgend etwas war , dann sagte er nur, na Schossow , was ist. Dieser ließ sich nicht zweimal auffordern und schlug dazwischen. Den Gummiknüppel trug er immer im Ärmel bei sich. Viele überlebten die Schläge nicht…..“

 

Bereits 1941 hatte Hitler in Vorbereitung eines Krieges gegen die Sowjetunion Richtlinien unterschrieben in denen die Vernichtung von politischen Funktionären der roten Armee sowie von Leitern staatlicher Dienststellen angewiesen wurde. Am 6. Juni 1941 wurden diese Richtlinien als sogenannter „Kommissarbefehl “ von Wilhelm Keitel Chef des Oberkommandos der Wehrmacht erlassen. Mit diesem Befehl erhielt jeder deutsche Offizier das Recht über das Leben jedes russischen Soldaten zu entscheiden. Er forderte die Wehrmachtsangehörigen zur Tötung aller sowjetischen Soldaten auf, wenn bei ihrer Gefangennahme angenommen werden konnte, dass sie politisch für die Loyalität und Stimmung in der Truppe verantwortlich waren.

 

„Politische Leiter in der Truppe werden nicht als Gefangene anerkannt und sind zu erledigen,“ so steht es in den Richtlinien. Hunderttausende russischer Offiziere kostete die Durchführung dieses Befehls das Leben, sie wurden in den Lagern der Sonderbehandlung zugeführt, sie wurden ermordet. Der Schweriner Lagerkommandant hielt sich an die Befehle. Das Stalag wurde für die sowjetischen Gefangenen zur Hölle, täglich starben sie, viele durch Misshandlungen , andere durch Hunger und Krankheiten.

 

Es wurde mit Aufnahme russischer Soldaten wesentlich erweitert und zwei Teillager errichtet. Im Gegensatz zu den Gefangenen der anderen Nationen wurden die Soldaten der Roten Armee unmenschlich behandelt. In Baracken zusammengepfercht, schlecht ernährt und von den anderen Gefangenen völlig isoliert wurden sie besonders scharf bewacht. Augenzeugen berichteten nach der Befeiung am 3. Mai: “ Während der Arbeit sind täglich mehrere Gefangene tot umgefallen, den Toten wurde die Kleidung ausgezogen und danach wurden sie in Papiertüten gesteckt. Die Sowjetsoldaten waren total ausgehungert, so dass sie sogar Gras aßen um am Leben zu bleiben…“.

 

Die noch Arbeitsfähigen unter ihnen wurden in Schwerin ausschließlich zu schweren und gefährlichen Arbeiten eingesetzt. In Görries, auf dem damaligen Militärflugplatz, zum Verladen von Munition. Auf dem Güterbahnhof in Schwerin arbeiteten Hunderte Gefangene. Hier mussten sie hauptsächlich Kohlewagons entladen. An manchen Tagen starben auf dem Güterbahnhof bis zu zehn Gefangene, dies bestätigten mehrere Augenzeugen.

 

Die unmenschlichen Bedingungen im Russischen Teillager führten zum Ausbruch von Typhuserkrankungen und Fleckfieber. Hunderte der Gefangenen starben an den Folgen. Die Opfer ihrer Verbrechen verscharrten die deutschen Bewacher in der Nähe des Lagers am Plater Weg.

 

Zum Jahresende 1944, wohl im Zusammenhang mit dem Vorrücken der Sowjetarmee, wurde begonnen das Lager aufzulösen. Ein Teil der noch arbeitsfähigen Gefangenen wurde in Richtung Westen evakuiert. In den ersten Maitagen 1945 wurden die in Schwerin verbliebenen Gefangenen durch alliierte Truppenverbände befreit.

 

Nachdem im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess die Elite des Dritten Reiches abgeurteilt wurde, unter den 12 zum Tode Verurteilten war auch der Oberkommandierende der Wehrmacht General Wilhelm Keitel, fand 1948 ein Nachfolgeprozess gegen die sogenannte „zweite Garnitur der Kriegsverbrecher“ statt. Unter den Angeklagten , der Chef des Kriegsgefangenenwesens in Deutschland Hermann Reinicke. „ Die Befehlshaber der Wehrmacht haben in Gemeinschaft mit der Gestapo und dem Sicherheitsdienst Zehntausende von Kriegsgefangenen zur Liquidierung übergeben und mitgeholfen, dass in okkupierten Gebieten durch Massenmord eine ganze Anzahl Menschen ums Leben kam….“, so urteilte der amerikanische Gerichtshof. Die dreizehn Angeklagten der Wehrmachtsführung erhielten Strafen von zwanzig Jahren Haft bis Lebenslänglich. In den fünfziger und sechziger Jahren waren alle verurteilten Kriegsverbrecher in der BRD wieder auf freiem Fuß.

 

Heute befindet sich das ehemalige Lagergebiet inmitten des Neubaugebietes Großer Dreesch.

 

1961 wurden hier am Grünen Tal in der Nähe des Lagers Massengräber und Einzelgräber freigelegt. Die Gerichtsmedizinischen Untersuchungen ergaben, dass es sich um rund 500 sterbliche Überreste von russischen Kriegsgefangenen handelte. In den Einzelgräbern waren Franzosen, Polen und Serben begraben. Am achten Mai 1961 wurde zu Ehren der Toten ein Gedenkstein enthüllt. 1978 erfolgte die Einweihung des von Wieland Schmiedel geschaffenen Gräbermahnmals. Im Mai 1982 wurde mit der Übergabe einer Torsiwand und einer Bronzefigur die Gedenkstätte Grünes Tal der Öffentlichkeit übergeben. Gleichwohl zur Mahnung und zur Erinnerung an die Toten des, heute fast vergessenen, Lagers Stalag II.

 

Ralph Martini

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