„Es war falsch!“ Generalintendant Tietje räumt Fehler ein und beantwortet einige eurer Fragen.

Änderungen vorbehalten. Der Text wird fortlaufend ergänzt. Video am Ende des Beitrages.

 

In einem Gespräch am Nachmittag des 24. Januar hat der Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters, Lars Tietje eingeräumt, dass die Art und Weise seines Schreibens an die Mitarbeiter des Staatstheater „falsch war“. Tietje hatte in einem Rundschreiben „unabgesprochene politische Äußerungen“ unter Berufung auf sein Hausrecht und mit Androhung, dass er dieses „nicht dulden“ werde, untersagt. Ob dies jetzt in die Meinungsfreiheit eingriff – wie wir es sehen, oder nicht – das soll kommenden Montag die Stadtvertretung bewerten.

tietje
Lars Tietje – Der Theaterchef in Schwerin. Foto: Mecklenburgisches Staatstheater – via Mail zugesandt.

Wir trafen uns nach einem Austausch über Facebook Messenger im Kulturcafe`Platon in den Schweriner Höfen. Er trank einen Tee, ich einen Kaffee. Zu beginn gab es im Schnelldurchlauf eine Zusammenfassung was die ASK ist, wo die ASK ihre Wurzeln hat und was die ASK so tut. Dann ging es ohne viele Umschweife auch schon los.

Die Fragen und Antworten sind hier als Gedächtnisprotokoll wiedergegeben. Die Antworten setzten sich teilweise auf Aussagen von Lars Tietje und auf Interpretation unsererseits zusammen.

Zusatzinfo: Dass es ein Treffen mit Lars Tietje geben sollte, stand schon vor dem Theaterball und vor dem zurecht kritisierten „Maulkorb“ im Raum – eigentlich sollte es darum gehen, ob und inwiefern das Theater die Bestrebungen um einen Paulshöhe Erhalt (ff) unterstützen könnte – und warum das nicht geht…

Doch Aufgrund der aktuellen Geschehnisse war der eigentliche Grund leider kein Thema mehr.

Wir haben die Gelegenheit genutzt um ihm eure Fragen weiter zu reichen.

Weswegen wurde vom Generalintendanten beschlossen das „unabgesprochene politische Äußerungen“ untersagt sind?

Tietje erzählte von „vielen kleineren Vorfällen“, die in der Vergangenheit stattfanden. Kein spezieller Vorfall habe ihn zu dieser Entscheidung bewegt. Sondern eher seien es viele verschiedene Aussagen, Verhaltensweisen und Zwischenfälle der letzten Jahre gewesen, die ihn dazu bewogen hatten. Er selbst gab leider keine konkreten Beispiele preis. Was er sagte, war dass wenn er jetzt einen der Vorfälle wieder auf die Tagesordnung bringen würde, alte Geschichten unnötig in den Fokus gelangen würden und bat um Verständnis dass er keine Details dazu nennen wolle. Der Grund für das Schreiben sei es, die Unruhe die meist im Nachhinein entstanden sind, zu vermeiden. Sowohl von Seiten der Sponsoren, Träger (Land und Stadt) als auch innerhalb der Belegschaft. Er wollte keine Meinungen und politischen Seitenhiebe verbieten, sondern sich auf seinen Job konzentrieren den Theaterball wie gewohnt weiterzuführen. Nur ohne die Nachwehen.

„Seitenhiebe“ und „politische Spitzen“ gehörten bisher zum „guten“ Ton, gar zur Tradition auf einem Theaterfest. Wo ist denn hier das Problem?“

Tietje sagte sinngemäß, das es sehr viel Arbeit und Zeit kostete diese Unruhe und Kritiken, aufgrund von für ihn unerwarteten Kommentaren und Äußerungen der vergangenen Jahren wieder auszubügeln. Der Eindruck das er einsieht, das die Art und Weise, die Einseitige – von oben herab – gegebene Dienstanweisung tatsächlich ein Fehler war wurde bestätigt. Tietje unterschätze die Dynamik die solch eine Weisung annehmen kann. Auf die Kritik, dass er diese Anweisung pauschal an alle Mitarbeiter raus gab, reagierte er ebenfalls mit einem Eingeständnis und bezeichnete seine Herangehensweise als „falsch“. Er hatte die Reaktion nicht erwartet und betonte, dass es keine generelle Anweisung für die Zukunft sei, und politische Botschaften wie beispielsweise zuletzt bei Verdi`s Otello durchaus ihre Berechtigung haben.

„Das ist eine Verhaltensweise wie zu DDR Zeiten, damals war es politisch nicht gewollt, dass Kritik geäußert wurde, heute schreiben Sponsoren vor, was gesagt werden kann und was nicht.“

Tietje reagierte leicht ablehnend auf diese Aussage, sagte aber zum Glück seien diese Zeiten schon lange her. Das Sponsoren hier Einfluss genommen haben stritt er ab. Es sei seine Entscheidung gewesen hier im Vorfeld Regeln aufzustellen, sozusagen wolle er im Vorfeld anstrengende und zeitraubende Aufarbeitung vermeiden.

„Ich würde gerne wissen was die Sponsoren bezahlt haben und wie viel Geld von dem jeweiligem Sponsor kam.“

Tietje versicherte, dass es keine anderen als die auf dem Programmheft und auf der Internetseite genannten Sponsoren gab. Weiter sagte er, dass es im wesentlichen Sachspenden waren. Nestle`habe den Kaffee gesponsert, Lübzer Pils das Bier, Cafe`Rothe das Catering, Wodka Gorbatschow die Alkoholika, WeserGold das Wasser usw. (Hier die auf der Website angegebenen Sponsoren). Formal werden diese Sachspenden zwar mit einem finanziellen Gegenwert berechnet, im Grunde sind es aber Sachspenden der Unternehmen.

„Das Theater hat an dem Abend Spenden eingenommen, wofür werden die verwendet?“

Die Spenden die eingenommen wurde, gingen nicht an das Theater. Diese wurden an die Theaterstiftung gegeben, die dann mit diesen Mitteln entsprechend ihrer Satzung umgehen werden. Die Überraschung aus dem Landesministerium war für Tietje, dass der Betrag von Landesseite an die Stiftung dann mehr als verdoppelt wurde. (Hier findet ihr die Website der Stiftung und die bisherige Verwendung der Geldmittel).

„Weiß Tietje denn nicht, das unser Theater in Schwerin immer mehr war als nur ein Theaterhaus?“

Bei dieser Frage wurde deutlich, dass der neue Generalintendant deutlich unterschätzt hat, was das Theater den Schwerinern bedeutet. Sowohl innerhalb des Theaters, als auch in der Außenwirkung. Er gab zu verstehen, dass mehr auf die geschichtlichen Hintergründe, die Historie die das Theater und die Stadtgesellschaft verbindet eingehen will. Er rechnet damit, das der Findungsprozess zwischen Belegschaft und seinen Vorstellungen noch bis zu 3 Jahre andauern wird. Bis dahin wird auch er Fehler machen, und ist auch selbst mit seinem Handeln bisher in so einige Fettnäpfchen getreten, die er nicht abstreiten oder verschweigen will. Er will die kommenden Tage an die Belegschaft herantreten und seine Ansichten verdeutlichen – nahm bisher an, dass die „Vollversammlungen“ dafür ausreichend seien. Das was nun „falsch“ lief, und den Verteilerradius will er zukünftig nicht nur für „Anordnungen“ nutzen, sondern auch um die Belegschaft zu erreichen.

„Das Theater kümmert sich zu wenig um die Schüler, den Nachwuchs, die Schweriner Jugend bleibt nach dem ..Umzug nach Parchim… auf der Strecke.“

Hier gab es eine deutliche Aussage. Tietje erklärte dass es jedes Jahr (2mal? Erinnerungslücke) ein Schreiben gibt, dass den Schulen weiter getragen werden soll. Hier sei die Stadtpolitik gefordert diese Information weiter zu streuen. Vor kurzem erst habe das Theater eine zusätzliche Stelle im Theater geschaffen um „Theaterpädagogik“ im eigentlichem Sinne umzusetzen, die unter dem Vorgänger eingestellte Pädagogin war eher zur Ticket-Verkäuferin avanciert. Es gebe einen direkten Zugang für Lehrerinnen und Lehrer, das Theater für ihre Schulklassen zu nutzen. Dieser müsse nur stärker beworben werden. Man habe extra dafür die Zahl der Kinder und Jugendlichen auf etwa 50 hoch gesetzt, in Zusammenarbeit mit den Brandschutzbehörden, die eine solche Vorstellung von Gesetz wegen absichern müssen, um mehr Schülern und Azubi-Klassen den Zugang zu ermöglichen. In Schwerin soll/wird zudem eine Art Außenstelle für das Jugendtheater in Parchim geschaffen werden, damit die Verbindung zu Schwerin nicht abbricht.

„Warum nutzt das Theater den Reichtum der Gäste nicht dafür um den ärmeren Schwerinern zu helfen? Kann der Theaterball nicht für einen Charité-Ball genutzt werden?

Wem auch immer diese Frage zu verdanken ist, der-, oder demjenigen ist Dank zu geben. Tietje sagte die Idee sei tatsächlich Umsetzbar. Es sei nur die Frage wie dies rechtlich umsetzbar ist. Man könnte die „Eintrittskarten“ um 10,- Euro teurer machen oder während der Veranstaltung zur Unterstützung derartiger Projekte aufrufen. Weiter gab er zu erkennen, dass er bereit sei diesen Wohltätigkeitscharakter mit aufzunehmen. Wenn es über die Eintrittskarten nicht geht, mit einer extra dafür aufgestellten Box oder ähnlichem. Wenn dazu Ideen bestehen, scheue er sich nicht weitere Gespräche zu führen.

 

„Wir wollten für ein soziales Projekt Requisiten bzw. Kostüme vom Theater ausleihen – die wollen nichts abgeben.“

Da das mecklenburgische Staatstheater derzeit nahezu unter der finanziellen Aufsicht von Stadt und Land steht, sei es nicht möglich Leihgaben heraus zu geben. Dies müsste vom derzeitigen Personal geleistet werden. Die Herausgabe, Kontrolle der Rückgabe, Reinigung etc müsse dann von jemanden übernommen werden. Doch diesen Arbeitsplatz kann selbst der Theaterchef nicht eigenmächtig schaffen. Das würden das Land Mecklenburg Vorpommern und die Stadt, die derzeit unter Sparzwang steht nicht mitmachen. Wenn die Mitarbeiter dies unentgeltlich und zusätzlich tun würden, wäre Tietje der letzte der das verhindern würde. Bezahlen kann er das aus dem zur Verfügung stehenden Mitteln nicht. Die Vorgaben dazu kommen aus der Politik.

„Schwerin soll ein reines „Musiktheater werden.“

Auch hier sagt Tietje, dass er dem nicht zustimmt und seit längerem gegen dieses Vorurteil angehen muss. Er habe gerade erst einen Schaupeildirektor engagiert, der einen sehr guten Ruf trage. Es sei zwar schwer zu glauben, doch ein reines Musik-, Konzerthaus sei nicht sein Anliegen.

„Das E-WERK soll über kurz oder lang geschlossen werden!“

Das Gegenteil sei der Fall. Tietje behauptet, dass es trotz der Zwangs-, und Sparzwänge der Landes-, und Stadtpolitik vorgesehen ist, das E-Werk auszubauen. Die Anzahl der Zuschauerplätze soll erhöht werden. Der Eintrittpreis soll ebenfalls gleich bleiben. Die Spielzeiten eines einzelnen Stückes sollen dadurch komprimiert werden, und Freiraum für weitere Stücke bringen.

„Hinter der schicken Fassade zerbröckelt die bauliche Substanz! Die Arbeiter sind was Arbeitsschutz angeht gefährdet!“

Die Werkstätten sollen in der nächsten Zeit zumindest sporadisch abgesichert werden. Aufgrund der Konsolidierungsvereinbarung zwischen Stadt und Land – des Trägerwechsels ist es schwer dort zeitnahe komplett zu renovieren. Was die Werkstätten angeht, wo tatsächlich „Einsturzgefahr“ bestand soll in den kommenden Jahren gehandelt werden. Lars Tietje sagte dass auch das Orchester mit einer Besserung der Situation rechnen kann- da sich das Land Mecklenburg Vorpommern langsam seiner Verantwortung bewusst wird. Dies wird anscheinend noch einige Jahre dauern, aber es sei Bereitschaft von Seiten der politische Verantwortlichen erkennbar.

Fazit:

Lars Tietje scheint unterschätzt zu haben, was den Schwerinerinnen und Schwerinern das Theater bedeutet. Er räumt ansatzweise Fehler in der „Art und Weise“ seiner „Maulkorb-Verordnung“ ein. Dennoch verteidigt er seine Wortwahl und die Intention.

Was sich die kommenden Jahre daraus ergibt bleibt abzuwarten. Ein Warnschuss, dass sich weder die Bevölkerung noch die „Belegschaft“ dem Finanzzwängen, Wunschgestaltungen und Konsolidierungsforderungen unterordnen – war es allemal.

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Falls wir eine Frage vergessen haben, sendet diese uns bitte via ask-schwerin@mail.de zu. Ansonsten via Whatsapp: 01627686357 und natürlich auf Facebook. Wir bleiben am Thema dran.

 

Hier das aktuelle Video von TV Schwerin zum Thema:

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